Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V.

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URSULA MÜLLER

ALBERT SCHWEITZER - LEBEN UND WERK

Albert Schweitzer 1949

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen und Lebensdaten

Geschichtlicher Rahmen (Zeit um Schweitzers Geburt)

 

Das Elsass

Da das Elsass, Albert Schweitzers Geburtsregion, in den deutsch-französischen Beziehungen ein ständiger Stein des Anstoßes gewesen ist, werde ich auf diesen Part etwas ausführlicher eingehen.

Das zunächst keltisch besiedelte, dann z.T. römisch besetzte Elsass erfuhr im 5. Jhd. eine germanische Überflutung. Die Stabilität der Sprachgrenze zur Romania lässt auf die Gleichwertigkeit der zwei Kulturkreise schließen. Die Straßburger Eide von 842 wurden in beiden Sprachen verfasst und sind Zeichen einer beginnenden nationalen Sonderung.

Im späten Mittelalter und im 16. Jhd. kamen die ersten intellektuellen Fehden über die Zugehörigkeit des Elsass zum deutschen oder zum französischen Bereich auf. In Straßburg wird das Eindringen der französischen Sprache durch das lutherische Stadtregiment stark gehemmt. Daran ändert auch die Eingliederung in den französischen Machtbereich nach 1648 nur wenig. Die alten Zollgrenzen und die wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich bleiben bestehen. 1685 wird die Frage aufgeworfen, wie Sprachgebrauch und politischer Loyalismus zusammenhängen.

Im 18. Jhd. ist das Französische dann Vorbedingung für den höheren Staatsdienst und Integration in die höhere Gesellschaft. Im Reich wird abhängig von wechselnden Bündnissen die Zugehörigkeit des Elsass zu Frankreich mal hingenommen, mal in Frage gestellt. Erst unter der französischen Revolution wird es in den französischen Zoll- und Wirtschaftsraum integriert, was zum teilweisen Verlust der herkömmlichen Handelsbeziehungen führt. Auf den ersten begeisterten Elan der 'deutschsprachigen Franken' folgt die Ernüchterung. Das Regime fordert u.a. Aufgabe der deutschen Sprache.

Die jakobinische Idee der einheitlichen Sprachnation unter dem Motto 'eine Nation, eine Sprache' wurde in Deutschland umgemünzt in 'eine Sprache, eine Nation' und galt damit als Legitimation deutscher Ansprüche auf das Elsass. Gleichzeitig machte das Französische im Zuge wirtschaftlicher und politischer Integration langsame Fortschritte. Im deutsch-französischen Krieg ist 1870 mit der Zerstörung der Straßburger Bibliothek ein wesentlicher Teil des elsässischen Erbes untergegangen. Bei den Gesichtspunkten für die Nationbildung stießen Argumente der Rasse, Sprache und Zustimmung des Volkes aufeinander. Nach der französischen Niederlage erfolgte 1871 die Annexion an Deutschland.


Das Zeitalter Bismarcks

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Deutschland entscheidende innen- und außenpolitische Veränderungen. Mit der rapide zunehmenden Industrialisierung war als neue gesellschaftliche Gruppe die Industriearbeiterschaft entstanden. Ihre soziale und materielle Lage war schlecht. Die Formierung ideologischer und politischer Interessenvertretungen sowie wachsende Spannungen kennzeichneten die Lage. Zugleich gewannen Liberalismus und ein wachsender deutscher Nationalismus an Bedeutung. Preußen war die führende Macht im Norddeutschen Bund, in dem der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck den maßgeblichen Einfluss ausübte.

Der preußische Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen kandidierte 1870 um den seit 1866 verwaisten spanischen Thron, was für Frankreich eine diplomatische Schlappe bedeutet hätte. Bismarck, der einen Krieg wollte, agierte indes so geschickt, dass Kaiser Napoleon III. in der Folge Preußen den Krieg erklärte. Wider Erwarten schlossen sich die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund an. Nach einer Serie von Siegen, u.a. in der Schlacht von Sedan, hatte Frankreich nicht nur den Krieg, sondern auch seine Vormachtstellung in Europa verloren. Und Bismarck nutzte seinerseits die nationale Begeisterung für die Bildung der deutschen Einheit.
Dabei wurde auch Elsass-Lothringen vom deutschen Reich vereinnahmt, denn laut Reichskanzler Bismarck, den man dazu erst überreden musste, blieb offiziell "nichts anderes übrig, als diese Landstriche mit ihren starken Festungen vollständig in deutsche Gewalt zu bringen, ... um sie gegen Frankreich zu verteidigen und um den Ausgangspunkt etwaiger französischer Angriffe um eine Anzahl von Tagesmärschen weiter zurück zu legen...." Bismarck. Damals bewegte man sich ja vornehmlich zu Fuß und zu Pferde fort. Ursprünglich stand der Einverleibung Elsass/ Lothringens "die Abneigung der Einwohner selbst ... entgegen. Es ist nicht meine Aufgabe, hier die Gründe zu untersuchen, die es möglich machten, dass eine urdeutsche Bevölkerung einem Lande mit fremder Sprache und mit nicht immer wohlwollender und schonender Regierung in diesem Maße anhänglich werden konnte." Am 9. Juni 1871 wurde die Doppelprovinz staatsrechtlich 'mit dem Deutschen Reiche für immer vereint'.

König Wilhelm I. wurde als gemeinsames Staatsoberhaupt auch von den süddeutschen Staaten anerkannt, und er ließ sich zum Deutschen Kaiser ausrufen. Das Zweite Deutsche Reich war gegründet. Es bekam eine bundesstaatliche Verfassung mit dem erbrechtlichen Kaiser an der Spitze, der den Reichskanzler berief. Dessen Stellung beruhte demnach auf Vertrauen mit dem Monarchen, und es bestand keinerlei Verantwortlichkeit gegenüber dem von den Bürgern - freilich nicht von allen - gewählten Parlament. Eine demokratische Entwicklung im Reich war so aus verschiedenen Gründen stark gehemmt.

Aufgrund der geografischen Mittellage Deutschlands knüpfte Bismarck ein ausgedehntes Netz von Bündnissen und Abkommen, um ein Gleichgewicht der europäischen Mächte zu erhalten. Innenpolitisch hatte Otto Graf von Bismarck mit neuen Problemen zu kämpfen, welche die Industrialisierung verursachte. Die Bevölkerung in den Städten wuchs rasch an, Mietskasernen kamen auf, der wirtschaftliche Aufschwung ging an den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Massen, auch der Industriearbeiter, vorbei.
Zwei Attentatsversuche auf den Kaiser nahm Bismarck 1878 zum Anlass, ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie zu realisieren. Eine zunehmende Entfremdung der Arbeiterschaft von dem deutschen Obrigkeitsstaat setzte ein. Das konnte auch die folgende große Sozialreform der 1880er Jahre mit Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung nicht aufhalten. Nach dem Tod von Wilhelm I. führten Differenzen mit dessen Enkel Wilhelm II. 1890 zur Entlassung Bismarcks. Das komplexe außenpolitische Bündnissystem des ersten deutschen Kanzlers brach unter dem an später Kolonialpolitik und einem bedeutenden Deutschland (Platz an der Sonne) interessierten neuen Kaiser zusammen. Die Sozialistengesetze wurden - weil sie die Entwicklung der Arbeiterbewegung nicht gehemmt, sondern eher gefördert hatten - zurückgenommen.

Als Albert Schweitzer in Kaysersberg im Elsass geboren wurde, war der deutsch-französische Krieg von 1870/71 gerade einmal 3 ½ Jahre vorbei. Als dessen Folge kam Albert Schweitzer als Deutscher und nicht mehr als Franzose zur Welt. In seinen Büchern bezeichnete er sich und andere Menschen aus der Gegend durchgängig als Elsässer, ohne dass ich je den Eindruck hatte, er wolle mit dieser Bezeichnung einem Lokalpatriotismus frönen. (Immerhin sollte das staatsrechtlich formulierte Für-Immer auch in diesem Fall nur ein knappes halbes Jahrhundert andauern.)

Persönlich scheint Albert Schweitzer von dem nationalen Hin und Her eher profitiert zu haben, denn er wurde ein Wanderer zwischen den Welten, erst zwischen Frankreich und Deutschland; später als Deutscher auf französischem Kolonialgebiet. Und überhaupt pflegte er viele ausländische Beziehungen. Nationalitätenstreit hielt er allgemein für ein zu überwindendes Hemmnis. Seine Familie wurde durch die verschobene Grenze plötzlich in zwei Nationalitäten getrennt. Eine wichtige Rolle spielten die beiden Brüder seines Vaters. Den einen hatte es vor dem Krieg als Dozenten an die Sorbonne, den anderen als Kaufmann im Peru-Handel nach Paris verschlagen. Dorthin fuhr er mindestens einmal im Jahr, später vor allem auch, um sich mit dem Organisten Charles Marie Widor zu treffen.

In der Familie Schweitzer ging man ganz selbstverständlich zweisprachig miteinander um. Dennoch bemerkt Albert Schweitzer, dass er zuerst deutschsprachig sei. So beobachtet er beispielsweise, dass er auf deutsch und nicht auf französisch träume. Und da er vor allem den elsässischen Dialekt gewöhnt war, der deutschen Ursprungs ist, sieht er hierin den wichtigsten Grund für die Vorrangigkeit der deutschen Sprache. Auch die meisten seiner Bücher hat er auf deutsch verfasst, sich aber grundsätzlich an der Zielgruppe orientiert.
Als Kind beeindruckte ihn die historische Situation naturgemäß nicht im Mindesten, sondern er war mächtig stolz darauf, in einem guten Weinjahr geboren zu sein und in einer Stadt, Kaysersberg, wo der für manchen seiner mittelalterlichen Zeitgenossen unbequeme Prediger Geiler von Kaysersberg aufgewachsen war.

Der rechte Glaube

Als das Elsass durch Ludwig XIV. französisch wurde, bestimmte dieser, um die Protestanten zu demütigen, dass in den protestantischen Dörfern, in denen zum mindesten sieben katholische Familien wohnten, den Katholiken der Chor eingeräumt werden müsste. Allsonntäglich sollte ihnen die Kirche zu bestimmten Stunden für ihren Gottesdienst zur Verfügung stehen. So kommt es, dass manche Gemeinden sich entschlossen, den Katholiken eine besondere Kirche zu erbauen. Zu Günsbach aber und anderswo ist die protestantisch-katholische Kirche bis auf den heutigen Tag bestehen geblieben.

Der katholische Chor, in den ich hineinschaute, war für mich der Inbegriff der Herrlichkeit... und durch die Chorfenster hindurch schaute man auf Bäume, Dächer, Wolken und Himmel hinaus, auf Welt, die den Chor der Kirche in die unendlich Ferne fortsetzt ... So wanderte mein Blick aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit. Stille und Friede überkam meine Seele.

Mit diesen Jugenderinnerungen hängt es zusammen, dass ich den Bemühungen um einen protestantischen Kirchentypus kein Verständnis entgegenbringen konnte. Wenn ich Kirchen sehe, in denen moderne Architekten das Ideal der "Predigtkirche" verwirklichen wollen, wird mir weh ums Herz. Eine Kirche ist viel mehr als ein Raum, in dem man eine Predigt anhört. Sie ist ein Ort der Andacht. Das kann sie aber nicht, wenn der Blick ringsum auf Mauern aufprallt. Das Auge bedarf stimmungsvoller Ferne, in der das äußerliche Schauen sich zum innerlichen wandelt. Der Chor ist also nicht etwas Katholisches, sondern er gehört zum Wesen der Kirche überhaupt. ...

Noch eins habe ich aus der zugleich protestantischen und katholischen Kirche mit ins Leben hinausgenommen: religiöse Versöhnlichkeit. Die aus einer Herrscherlaune Ludwigs XIV. entstandene protestantisch-katholische Kirche ist mir mehr als eine merkwürdig geschichtliche Erscheinung. Sie gilt mir als Symbol dafür, dass die konfessionellen Unterschiede etwas sind, das bestimmt ist, einmal zu verschwinden. Als Kind schon empfand ich es als etwas Schönes, dass in unserem Dorfe Katholiken und Protestanten in derselben Kirche Gottesdienst feierten. ...

Freilich, wenn gerade zwei etwas hitzköpfige Seelenhirten sich in das Gotteshaus zu teilen haben, kann es geschehen, dass dieses Gemeinsame nicht zur Eintracht erzieht... So kam es im 18. Jhd. in einem Dorfe des Unterelsass einmal vor, dass an einem Pfingstmontag der protestantische Pfarrer seine Predigt hielt, während der katholische die Messe las. Albert Schweitzer

1870, im Jahr vor Schweitzers Geburt, erhob die katholische Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes (ex cathedra) zum Dogma.


Kulturkampf / Staat und Kirche

Auf Betreiben von Reichskanzler Bismarck soll im ganzen Reich, auch im Elsass, das Verhältnis von Kirche und Staat neu geregelt, d.h. der gerade gegründete deutsche Nationalstaat dem geistlichen Einfluss entzogen werden. In diesem Zuge wird in Preußen die Zivilehe eingeführt und die Beurkundung des Personenstandes den Standesämtern übertragen. Außerdem wird das gesamte Schulwesen dem Staat unterstellt.

Kirche und Christen verstehen sich vielfach mehr als früher als tätige Helfer von benachteiligten Menschen. (Seit 1848 gab es im Reich einen Zentralausschuss für die Innere Mission als Ergänzung zur Missionstätigkeit in den Kolonien.) Der evangelische Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh übernimmt 1872 die Leitung der noch recht neuen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische in Bethel. Er führt in diesem Heim die Arbeitstherapie ein: Auch der Schwächste bekommt eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten angemessen ist. Während der Wirtschaftskrise nach 1870/71 bitten auch immer mehr Arbeitslose um Aufnahme in die Anstalt. Bodelschwingh gibt Arbeit statt Almosen.
Albert Schweitzer konnte Lambarene nur aufbauen und unterhalten, indem er u.a. die Angehörigen der Kranken oder diese, nachdem sie genesen waren, dazu anhielt, vor Ort mitzuarbeiten. Das war äußerst schwierig, denn nichts lief nach der europäisch anerzogenen Arbeitsmoral...

Hat einer der Schwarzen bei mir im Spital gearbeitet, gilt er als "ausgebildet". Er wird leicht Arbeit finden, denn die Leute sagen: "Ja, wenn er´s bei dem ausgehalten hat..." Albert Schweitzer


Soziale Frage

In der 2. Hälfte des 19. Jhd. gab es in einer Familie durchschnittlich 5 ½ Geburten. Von diesen Kindern erreichten nur zwei das heiratsfähige Alter.

Albert Schweitzer, aus einem als wohlhabend geltenden Pfarrershaus, war das zweite von fünf Kindern, und die Familie hatte streckenweise große Geldnöte. Bis zu seinem zweiten Lebensjahr muss er so schwächlich gewesen sein, dass "keine der zur Feier gekommenen Pfarrfrauen der Umgebung wagte, der Mutter ein Kompliment über das magere Kindchen mit dem gelben Gesichtchen zu machen. Alle ergingen sich in verlegenen Redensarten. Da konnte sich meine Mutter ... nicht mehr beherrschen. Sie ... weinte heiße Tränen über mir. Einmal hielt man mich gar für tot." Albert Schweitzer

Der Besuch des Mülhausener Gymnasiums war nur möglich, weil sich sein Pate mit seiner Frau bereit erklärte, den Jungen in dieser Zeit bei sich aufzunehmen und für ihn zu sorgen.

In den 1860er Jahren bildeten sich verschiedene Arbeitervereine. August Bebel, Wilhelm Liebknecht sind Vertreter solcher Bewegungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! und Einigkeit macht stark! waren damals Wahlsprüche auf sozialdemokratischen Bannern.
Erst 1878 wird die Kinderarbeit in Fabriken verboten, in Landwirtschaft und Heimarbeit bleibt sie erlaubt. Für Kinder unter 14 Jahren wird die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden begrenzt, für Jugendliche bis 16 Jahren auf zehn Stunden. Kinder unter 12 Jahren dürfen erst nach Ableistung der sechsjährigen Schulpflicht erwerbstätig werden.

Zahlreiche öffentliche und private Sozialhilfeträger schließen sich 1880 in Berlin zum Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit zusammen. Ziel ist die Vereinheitlichung der Fürsorge im Reichsgebiet. Der Zusammenschluss ist notwendig geworden, weil die Zuständigkeit für die Armenpflege nicht mehr klar war.

Im gleichen Jahr werden in Berlin rund 60 000 Schlafgänger registriert. In der Regel sind das unverheiratete Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen. Durch Vermietung von Schlafstellen an diese bessern Familien ihr oft schmales Einkommen auf, deren Wohnungen dadurch zumeist überfüllt sind. An Sonn- und Feiertagen müssen sich Schlafgänger weitgehend außer Haus aufhalten. Sie dürfen auch möglichst nicht krank werden, denn ihre Betten werden zu anderer Tageszeit dringend von anderen Personen gebraucht.
Die emanzipatorische Untersuchung Die Frau und der Sozialismus von August Bebel erscheint (wegen des Sozialistengesetzes illegal) in Leipzig. Gleich nach Erscheinen findet das Buch weite Verbreitung.

Albert Schweitzer kommt es entsprechend dem Zeitgeist nicht in den Sinn, in seinen Büchern seine Ehefrau Helene Breßlau viel zu erwähnen, obgleich er von dieser sehr große Unterstützung erfuhr. Erst sehr spät spricht er zum ersten Mal von ihr und betont, wie dankbar er ihr für all die Opfer ist, welche sie auf sich genommen hat. Auch sie hat im Hinblick auf das gemeinsame Projekt Lambarene noch einen weiteren Beruf erlernt und wurde Krankenschwester. Da sie anders als ihr Mann das Klima in Äquatorialafrika überhaupt nicht vertrug, war sie einverstanden, immer wieder über sehr lange Zeiträume von ihm getrennt zu leben. Diese erheblichen Trennungsphasen in Kauf zu nehmen, - so mein Eindruck - dankte er ihr am meisten.

Kolonialpolitik

Die Welt besteht in Schweitzers Jugend aus einer ersten und einer dritten Welt. Die erste stellen die europäischen Nationalstaaten und die USA dar, in denen die Industrialisierung fortgeschritten ist, in denen Schulpflicht herrscht und sich allmählich bürgerliche Verhältnisse durchzusetzen beginnen. Die dritte Welt - bestehend eigentlich aus den selben Ländern wie heute - ist weitgehend und oft nach militärischen Aktionen von der ersten kolonialisiert.

Die größte Weltmacht stellt dabei das britische Empire dar, aber auch alle anderen Staaten haben Kolonien. Von dort beziehen sie die für die Industrialisierung erforderlichen Rohstoffe, aber auch - wie schon seit hunderten von Jahren - Gewürze, exotische Nahrungs- und Genussmittel und sonstige interessante Waren. In den Kolonien herrscht vielfach Sklaverei. Die staatliche Verfassung besteht meist in unmittelbarer Machtausübung durch die Kolonialherren, teilweise gibt es mehr oder weniger bedeutsame Teilhabe an der Macht durch Eingeborene (wie die der indischen Maharadschas unter den britischen Vizekönigen).

Frankreich hatte später und weniger umfangreich als England seine Kolonialpolitik entwickelt und namentlich in Afrika große Einflussgebiete unter seine Kontrolle gebracht. Die nördliche Kongoprovinz Gabun mit Lambarene ist Teil davon. Deutschland wurde als letztes Land Kolonialmacht und gelangte diesbezüglich international nicht mehr zu einer bedeutenden Rolle.

Natürlich spielt auch die Kirche als Träger der Äußeren Mission in den Kolonien eine oft zwiespältige Rolle. Missionar sein wollte Schweitzer nicht, aber er hat in Lambarene viel mit ihnen zu tun, hält sogar nach einigen Monaten auf deren Bitten hin Predigten.

"Die britische Flagge deckte im Jahre 1912 einen Flächenraum von 11.516.821 englischen Quadratmeilen ... Das stellt annähernd ¼ der festen Erde dar und ist weitaus das gewaltigste Herrschaftsgebiet, welches es jemals in der Geschichte der menschlichen Rasse gegeben hat. Das britische Reich hatte 1911 434.286.650, das ... deutsche (mit all seinen Kolonien) nicht ganz 80 Millionen Einwohner. ... Das ,größere Britannien' bedarf keines fremden Staates, um alles auf den Markt zu liefern, was das Menschenherz begehrt. Die arktische Welt Labradors liefert Fischbein, Zentralafrika Elfenbein. Kanada bringt Weizen, Hölzer und Biberfelle, Australien Fleisch, Wolle, Getreide und Weine. Südafrika versorgt die Welt mit Gold und Edelsteinen, Straußenfedern und Angoragarn, dazu ebenfalls mit Wolle und Weinen. Indien produziert Reis und Baumwolle, Jute und Indigo, Weizen und Gewürze; Zeylon Kaffee, Tee, Kakao und Vanille, Westindien Tabak und Zucker, Rum und Kaffee; der Indische Ozean schenkt wertvolle Perlen; aus Westafrika kommen Gummiarten und Gold, Orseille und Pflanzenöle, aus Samaliland Felle und Straußenfedern; aus Ägypten Baumwolle und Weizen." (Carl Peters, England und die Engländer, Hamburg 1917)

Albert Schweitzer hat sich schon als Schüler sehr für Geschichte und Tagespolitik interessiert. Seine Haltung zur Kolonisation dokumentiert er so: Wir hätten zwar kein Recht "primitiven und halbprimitiven Völkern ... unsere Herrschaft aufzudrängen... Nun ist aber der Welthandel ... eine Tatsache, gegen die weder sie noch wir etwas vermögen. Durch den Welthandel sind sie Unfreie geworden. ... Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber ... ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.

Dass ... viele (der europäischen Beamten) es an Ungerechtigkeit, Gewalttätigkeit und Grausamkeit den eingeborenen Häuptlingen gleich taten und damit eine große Schuld auf uns geladen haben, ist nur zu wahr." Interessanterweise sieht er sich selbst als Erbe von Kolonialmächten in der Schuld. Weiter schreibt er: "Was die so genannte Selbstverwaltung für primitive und halbprimitive Völker bedeutet, ist daraus zu entnehmen, dass in der Negerrepublik Liberia die Haussklaverei und die noch weit schlimmere zwangsweise Verschiffung von Arbeitern ins Ausland bis in unsere Tage bestanden. Am 1. Oktober 1930 wurden sie, auf dem Papiere, aufgehoben."

"Der wahre Reichtum dieser Völker würde darin bestehen, dass sie dahin kämen, möglichst alles, was sie zum Leben notwendig haben, durch Ackerbau und Gewerbe selber hervorzubringen. Statt dessen sind sie einseitig darauf bedacht, das, was der Welthandel braucht und gut bezahlt, zu liefern. ... In Zeiten, wo der Holzhandel gut geht, herrscht ständig Hungersnot im Ogowegebiet (Flussdelta, in dem Lambarene liegt), weil die Eingeborenen das Anlegen von Pflanzungen unterlassen... Steigender Export beweist nicht immer, dass eine Kolonie vorwärts kommt, sondern kann auch besagen, dass sie auf dem Wege ist, zugrunde zu gehen."

In Bezug auf die Erziehung der Eingeborenen ist für Schweitzer völlig klar: "Ackerbau und Handwerk sind das Fundament der Kultur. Nur wo es vorhanden ist, sind die Voraussetzungen für die Bildung und das Bestehen einer kaufmännisch und intellektuell beschäftigten Bevölkerungsschicht gegeben. Mit den Eingeborenen der Kolonien aber - und sie selber verlangen es so! - verfährt man, als ob ... Lesen und Schreiben der Anfang der Kultur seien. ... Für ihre Kultur ist es wichtiger, dass die Eingeborenen lernen Ziegel brennen, mauern, Stämme zu Brettern zersägen, mit Hammer, Hobel und Meißel umgehen, als dass sie in Lesen und Schreiben glänzen und gar mit a+b und x+y rechnen können.

Zuletzt ist alles, was wir den Völkern der Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern Sühne für das viele Leid, das wir Weißen ... über sie gebracht haben."

Fortbewegung / Verkehr und Erfindungen

Da seit jeher das Pferd die Zugkraft für Fuhrwerke gewesen war, werden die Tiere auch benutzt, nachdem in den Städten Geleise verlegt worden sind. Die ersten Pferde an Schienenwagen wurden in Bergwerken eingesetzt, doch auch der Schienen-Überlandverkehr, z.B. die 127 km zwischen Budweis und Linz, wird mit Zweispännern überbrückt. Schienen haben den Vorteil, dass die Last leichter fortzubewegen ist und man mit weniger Pferden auskommt als bei herkömmlichen Fuhrwerken. Dies ist die Verkehrssituation um Albert Schweitzers Geburt herum.

Namhafte Eisenbahnstrecken für Dampfloks hat es in Deutschland und Frankreich seit Mitte des Jahrhunderts gegeben. Um 1870 erreichten sie Ausdehnungen von ca. 20.000 km. Das entspricht jeweils etwa 1/3 der Netzlänge von 1910. Werner von Siemens revolutionierte 1879 das Eisenbahnwesen durch die erste brauchbare elektrische Lokomotive.

Keine 10 Jahre vor Albert Schweitzers Geburt wird der erste wirtschaftlich arbeitende Explosionsmotor (Otto-Motor) gebaut. Allgemeingut sind solche Errungenschaften deshalb noch lange nicht.

Vor 1877 wurden Schiffe in Deutschland ausschließlich in handwerklichen Betrieben aus Holz gebaut. Große eiserne Schiffe kauften die Reeder in Großbritannien. 1877 wird in Hamburg der Grundstein der ersten deutschen Werft Blohm & Voss gelegt. Die Förderung von Schiffbau und Kriegsflotte unter Wilhelm II. sind als Herausforderung des britischen Weltreichs eine der späteren Ursachen für den 1. Weltkrieg.

Albert Schweitzer nutzte gern und oft die modernen Verkehrsmittel. Beim Orgelbau hingegen wurde er sehr massiv tätig, um alte, mechanische Orgeln vor Modernisierungen und den daraus resultierenden klanglichen Veränderungen zu bewahren. Freunde sagten ihm nach, in Afrika rette er alte Neger und in Europa alte Orgeln.

In der Dorfschule erlebte ich das Aufkommen des Fahrrades. Mehrmals schon hatten wir gehört, wie die Fuhrleute sich gegen Menschen ereiferten, die auf hohen Rädern einher rasten und die Pferde erschreckten. Eines Morgens aber, während wir in der Pause auf dem Schulhof spielten, wurde bekannt, dass im Wirtshaus an der Straße drüben ein 'Geschwindläufer' eingekehrt sei. Die Schule und alles vergessend, rannten wir hin und bestaunten das hohe Rad, das draußen stand. Auch viele Erwachsene fanden sich ein und warteten mit uns, dass der Fahrer mit seinem Schöppele Wein fertig wäre. Endlich trat er heraus. Da lachte alles, dass ein erwachsener Mann kurze Hosen trug. Und schon saß er auf seinem Rad und fuhr auf und davon.

Im vorletzten Jahr auf dem Gymnasium kam ich selber in den schon lange heißersehnten Besitz eines Rades. ... Es war ein schon gebrauchtes Rad und kostete zweihundertunddreißig Mark. Damals galt es aber noch für unziemlich, dass Pfarrerssöhne Rad fuhren. Zum Glück setzte mein Vater sich über diese Vorurteile hinweg. An Stimmen, die das 'hochmütige' Unternehmen seines Sohnes tadelten, hat es nicht gefehlt.
Die Jugend von heutzutage kann sich nicht mehr vorstellen, was das Aufkommen des Rades für uns bedeutete. Eine bisher ungeahnte Möglichkeit, in die Natur hinauszukommen, wurde uns aufgetan. Ich habe sie reichlich und mit Wonne ausgenützt. Albert Schweitzer

Ganz zufällig beobachtete Albert Schweitzer wie am 3. Mai 1910 ein Flieger ... als erster Straßburg überflog...


Medizin

Die Chirurgie hat in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Fortschritte gemacht, nachdem Äther und Chloroform als Betäubungsmittel entdeckt und nutzbar gemacht worden sind. Eine Rolle für erfolgreiche Operationen spielen die neuen Mittel zur Keimabtötung. Auch sonst gab es im Bereich Medizin viel Neues, das für uns heute selbstverständlich ist: Die Mikroskopie wird enorm vorangetrieben, dadurch verschiedene Krankheiten und Krankheitserreger erforscht, z.B. Cholera, Typhus. Und Schlag auf Schlag wird Neues entdeckt, 1882 beispielsweise der TBC-Erreger (damals Schwindsucht genannt).

In Paris gab es eines der ersten Institute für Tropenmedizin. Im Zuge der Vorbereitungen für Lambarene kaufte A. Schweitzer 1912 nicht nur Behandlungsmaterial für 1 Jahr ein (von den 70 aufgegebenen Kisten waren persönliche Dinge mit Sicherheit das Wenigste), er studierte dort zusätzlich noch einige Monate Tropenmedizin.

Und noch eine soziale Tatsache in medizinischem Rahmen: 1877 lässt sich Franziska Tiburtius als erste Ärztin in Berlin nieder. Sie hat in Zürich studiert, weil Frauen in Deutschland erst ab 1901 zum Medizinstudium zugelassen sind. Albert Schweitzers spätere Ehefrau Helene Bresslau, die schon lange im Vorfeld das Afrika-Projekt mittrug, begnügte sich in diesem Zusammenhang mit der für Frauen damals üblichen Ausbildung zur Krankenschwester, obgleich sie in Lambarene praktisch u.a. Funktionen innehatte, die man heute Anästhesisten vorbehalten würde.


Schulwesen und Unterricht

1872 wird als eine der ersten Maßnahmen im Kulturkampf zwischen Staat und Kirche in Preußen ein Gesetz erlassen, das alle kommunalen und privaten Schulen unter staatliche Aufsicht stellt.

Der naturwissenschaftliche Unterricht hatte für mich etwas eigentümlich Aufregendes. Ich wurde das Empfinden nicht los, dass man uns nicht genug sagte, wie wenig man von dem, was in der Natur vorgeht, auch wirklich versteht... Ihre zuversichtlichen auf das Auswendiglernen zugeschnittenen Erklärungen ... befriedigten mich in keiner Weise. ... Ein besonderes Rätsel war mir immer die Bildung des Regentropfens, der Schneeflocke und des Hagelkorns. Es verletzte mich, dass man das absolut Geheimnisvolle der Natur nicht anerkannte und zuversichtlich von Erklärung sprach, wo man es in Wirklichkeit nur zu.. Beschreibungen gebracht hatte... Schon damals wurde mir klar, dass uns das, was wir als Kraft und als 'Leben' bezeichnen, seinem eigentlichen Wesen nach immer unerklärlich bleibt.

So gingen die Liebe für die Geschichte und die für die Naturwissenschaften bei mir Hand in Hand. Nach und nach erkannte ich, dass auch das geschichtliche Geschehen voller Rätsel ist, und dass wir es für immer aufgeben müssen, die Vergangenheit wirklich zu verstehen. Auch hier ist uns nur ein mehr oder weniger eindringendes Beschreiben beschieden.

Unausstehlich waren mir vom ersten bis zum letzten Schuljahr die Stunden, in denen Gedichte 'durchgenommen' wurden. Dass mir ein Gedicht nahe gebracht werden sollte, indem man es erklärte, empfand ich als etwas Hässliches und Unsinniges. Mit dem, was man dazuredete, zerstörte man mir ja nur die Ergriffenheit, in die mich das Werk des Dichters versetzt hatte. An einem Gedicht, so meine ich auch heute noch, ist nichts zu erklären. Man muss es erleben." Albert Schweitzer


Kunst

1876 finden die ersten Bayreuther Festspiele statt. Sie erregen beim Publikum, darunter auch Wilhelm I. und Komponisten wie Peter Tschaikowski große Aufmerksamkeit. Wagner plante ein eigenes Theater, das durch finanzielle Unterstützung von Ludwig II. von Bayern später vollendet werden konnte.

Mit der Verehrung Bachs ging bei mir die Richard Wagner zusammen. Als ich mit sechzehn Jahren als Gymnasiast zu Mülhausen zum ersten Mal ins Theater durfte, war es, um Richard Wagners Tannhäuser zu hören. Diese Musik überwältigte mich so, dass es Tage dauerte, bis ich wieder fähig war, dem Unterricht in der Schule Aufmerksamkeit entgegenzubringen.

Ein großes Erlebnis war es für mich , dass ich im Jahre 1896 in Bayreuth der denkwürdigen ersten Wiederaufführung der Tetralogie nach der Uraufführung von 1876 beiwohnen konnte. Pariser Freunde hatten mir die Karten geschenkt. Um die Kosten der Reise bestreiten zu können, musste ich mich mit einer Mahlzeit am Tage begnügen. Albert Schweitzer

(Wem ist Kunst heutzutage noch solche Opfer wert? Oder ist die Kunst so mittelmäßig oder unbedeutend geworden, dass sie solcher Opfer nicht mehr wert scheint?)

Richard Wagners zweite Ehefrau, die Franz-Liszt-Tochter Cosima, lernte er kennen und hielt bis zu deren Tod Kontakt zu ihr.

Zur Malerei fiel mir ein Zweifaches auf: In Geschichtsbüchern spielt diese noch zu Albert Schweitzers Geburt eine große Rolle, während gleichzeitig die Fotografie immer stärker in den Vordergrund tritt. Viele Porträts und Industriebilder wie Das Eisenwalzwerk von Adolph von Menzel, Stimmungsbilder des Alltagslebens, aber auch aufwändige Karikaturen entstanden damals. Schweitzer ließ sich zwar als alter Mann porträtieren, hat sich aber davon abgesehen nicht nennenswert für bildende Kunst interessiert. Allenfalls fühlte er sich als Betrachter von Plastiken angesprochen.


Damals noch kein Alltag

Albert Schweitzer auf der Fahrt nach Europa

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen und Lebensdaten

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